Schulen der Zukunft: Die Befreiung unserer Kinder
Quelle: http://www.sein.de
Wir kommen neugierig und wissensdurstig auf diese Welt, voller Lust nach
Erfahrung und Erforschung. Gleich nach unseren körperlichen Bedürfnissen
scheint das geistige Bedürfnis zu lernen einer unserer stärksten Antriebe zu
sein.
Kinder fragen, forschen, untersuchen, verstehen, probieren und beobachten
unablässig - zu lernen ist die natürliche Beschäftigung eines Kindes. Schon so
mancher Erwachsener hat vor so viel Wissensdrang nach dem 4568sten "Warum?" des
Tages kapituliert. Wenn Lernen aber unsere Natur ist, wie kommt es dann, dass
Schule für den Großteil der Menschen eine solche Qual ist?
Fortgesetzte Grausamkeit
Es ist eine Qual, weil unsere Schule mit Lernen wenig zu tun hat. Unser
Schulsystem tut vor allem eines: Es lässt unsere Kinder geistig und emotional
verkümmern. Wir haben uns so sehr daran gewöhnt, dass uns die ganze Grausamkeit
dieses Vorganges schon gar nicht mehr ganz bewusst wird - es ist normal geworden.
Äußert man solche Kritik an der Schule, erntet man oft beschwichtigende
Kommentare (...mal nicht übertreiben..). Ich aber glaube, dass uns die ganze
Tragweite des historischen Fehlers, den unser Schulsystem darstellt, erst ganz
langsam wirklich klar wird.
Schule ist heute wie ein Feld mit zarten Pflanzenkeimen, dass von schweren
Stiefeln niedergetrampelt wird. Es ist der Ort, wo uns die Neugier, die Lust auf
das Leben, die Leidenschaft und tiefe Freude des Lebendigseins auf das
Gründlichste abtrainiert wird.
Und es ist der Ort, an dem wir Angst lernen. An dem wir lernen, dass wir nur gut
genug sind, wenn wir Leistung bringen, dass unsere Bedürfnisse nicht achtenswert
sind, dass unsere Kreativität von der Welt nicht gewollt ist, dass wir nicht
unserer Leidenschaft folgen dürfen, sondern den Erwartungen entsprechen müssen.
Es ist der Ort, an dem wir gebrochen werden.
Wir lernen Resignation, wir lernen gehorchen, wir lernen der Masse zu folgen, wir
lernen, die leise Stimme in unserem Herzen abzustellen. Wir lernen still sitzen,
wenn wir springen und lachen mögen. Wir lernen Dinge aufzunehmen und zu
wiederholen, die keinerlei Bezug zu unserem Herzen haben. Wir verlernen, ein Kind
zu sein. Und damit verlernen wir auch das Lernen.
Wie man es gründlich falsch macht
Auch die Neurobiologie, die Soziologie und die Psychologie wissen heute: Was wir
da mit unseren Kindern machen, ergibt nicht den geringsten Sinn. Es widerspricht
allem, was wir über das Gehirn, die Entwicklung und das Lernen wissen. Es ist
ein grausamer, fortgesetzter Wahnsinn.
"Wenn man die modernen Erkenntnisse der Hirnforschung zusammenfasst, kommt man zu
einer ganz katastrophalen Schlussfolgerung für das gegenwärtige Schulsystem.
Und diese Schlussfolgerung heißt: Es war eine falsche Vorstellung, die wir
hatten, als wir dachten, man könne Kinder, man könne andere Menschen
unterrichten", sagt Prof. Dr. Dr. Gerald Hüther, Neurobiologe an der
Universität Heidelberg.
Die Schule, so meint Hüther, erzeuge "funktionalisierte Menschen", die durch ein
System aus Belohnung und Bestrafung so "abgerichtet" wurden, dass sie sich in
einer gewünschten Weise verhalten. Das sei aber aus der Sicht wirklichen Lernens
"hirntechnischer Unsinn", eine Quälerei und eine "Vergeudung von Potenzial, wie
sie sich eine moderne Gesellschaft nicht mehr leisten kann."
"Worauf es wirklich ankäme, ist doch nicht, dass man den anderen dazu zwingt,
sich auf eine bestimmte Art und Weise zu verhalten, oder sich Wissen anzueignen,
das man selbst für wichtig hält, sondern es geht doch darum, dass der andere
eingeladen, ermutigt und inspiriert wird, sich das Wissen anzueignen, das in der
Welt vorhanden ist. Dass man Kinder und Jugendliche darin begleitet, Entdecker
und Gestalter dieser Welt zu sein", so der Professor.
Wenn dies die Aufgabe der Schule ist, dann versagt sie darin tatsächlich
katastrophal.
Gute Schulen machen hungrig, nicht satt
"Gute Schulen machen hungrig, nicht satt", meint auch der Journalist Reinhard
Kahl vom "Archiv der Zukunft". Heute machen Schulen meist nicht mal satt, sie
machen nur Bauchweh.
Wieso glauben wir noch immer, Schule müsste so sein? Wieso nehmen wir das hin,
lassen zu, dass dies mit unseren Kindern gemacht wird. Haben wir so wenig
Phantasie?
Dabei gibt es sie schon: Schulen ganz ohne Unterricht, in denen Kinder in einem
sicheren und geregelten Rahmen einfach ihrer natürlichen Neugier folgen - und
dabei freudvoll, spielerisch und mit Begeisterung alles Lernen, was sie für ihr
Leben brauchen. Diese als "Freilernen" oder "Unschooling" bezeichneten Ansätze
versuchen nicht, den Kindern Wissen mit Gewalt einzutrichtern, sie ermutigen sie,
ihrer natürlichen Natur entsprechend Wissen wie ein Schwamm aufzusaugen. Und vor
allem geht es hier auch ganz zentral darum, das zur Entfaltung kommen zu lassen,
was längst im Kind vorhanden ist. Das Kind wird nicht von außen gebildet, es
wächst aus seinem eigenen Inneren.
Kinder haben ihren eigenen Rhythmus, wir können sie nicht zwingen, an einem
bestimmten Tag mit dem Sprechen oder Laufen anzufangen. Sie tun es einfach, in
ihrer Zeit. Und wenn, dann lernen sie in einer Geschwindigkeit, die atemberaubend
anzusehen ist. Genau das stellen auch die Pädagogen in alternativen
Schulsystemen fest: Wenn Kinder aus einer eigenen Motivation, aus eigenem
Interesse etwas lernen, dann lernen sie schnell, konzentriert und nachhaltig.
Denn das Gehirn kann überhaupt nichts lernen, was unser ganzes Wesen als
irrelevant ansieht, wozu wir keine Verbindung haben - oder es kann schon, aber
eben nur mit Gewalt. Natürlicherweise lernt unser Gehirn eben das, was wir
wichtig und interessant finden, unnützes Wissen wird aussortiert.
Freiräume
Schulen sollten vor allem Freiräume sein, ein Raum der Möglichkeiten. Und das
bedeutet auch ganz praktisch Bewegungsfreiheit. Sich im Klassenzimmer bewegen zu
können, auf dem Boden liegend zu lesen, mit anderen Schülern zusammen zu
forschen, in Gruppen zu sprechen. All das ist wichtig. Unterricht, wie wir ihn
kennen, hat mit den Bedürfnissen von Kindern keine Schnittmenge. Und deshalb
kann er auch kein Weg zu nachhaltigem Lernen sein.
Schulen sollten ein Kreativ- und Erfahrungsraum für Kinder sein. Kein Ort der
Angst und des Leistungsdrucks.
"Wir dürfen Kinder nicht beschämen. Kinder können nicht lernen, wenn sie das
Gefühl haben: Ich kann hier jederzeit ausgelacht werden", allein diese simple
Erkenntnis müsste laut Ulrike Kegler von der Montessori-Gesamtschule Potsdam
eigentlich schon die gesamte Bildungslandschaft revolutionieren. Kinder brauchen
einen Raum völligen Vertrauens, einen Raum in dem sie respektiert und geachtet
werden, in dem ihre Interessen unterstützt und gefördert werden. Dann lernen
sie auch. Und Erwachsene werden in einer solchen Situation als Helfer und
Unterstützer wahrzunehmen. Solche Kinder wenden sich dankbar und vertrauensvoll
and Eltern und Lehrer, statt sie entweder zu verachten oder zu fürchten.
Auch unter den Kindern entwickelt sich eine andere soziale Struktur. Da
altersgetrennte Klassen nicht mehr im herkömmlichen Maße nötig sind, werden
Ältere zu Vorbildern und Lehrern für Jüngere, man steht nicht in Konkurrenz,
man lernt gemeinsam und voneinander.
Funktioniert das?
Es funktioniert. In den USA gibt es zum Beispiel mit den Sudbury Schools schon
seit 1968 alternative Schulen, die auf ein freies Lernen setzen. Die lange
Erfahrung hier zeigt eindeutig, dass Kinder (entgegen den Zweifeln vieler Eltern)
auch in einem solchen System spielend den gleichen Bildungsstand erreichen, wie
an gewöhnlichen Schulen. Nur sind sie selbstbewusstere Menschen, die noch mit
ihren eigenen Leidenschaften und Interessen in Kontakt sind. 80% der Abgänger
der Sudbury Valley School etwa haben nach der Schule auch einen
Universitätsabschluss erlangt, dass ist wohl mehr, als manch andere Gesamtschule
vorweisen kann, und sollte die Zweifel zerstreuen, ob Abgänger von solchen
Schulen im späteren Leben die gleichen Chancen haben. Das haben sie, und sie
hatten obendrein noch eine Kindheit.
Wenn man ein wenig genauer darüber nachdenkt, wird einem schnell klar, dass es
eigentlich überhaupt nur so funktionieren kann, dass es tatsächlich eher
verwunderlich ist, dass wir unsere Kinder so lange einem so unmenschlichen und
dysfunktionalen System überlassen haben. Es ist an der Zeit, dass wir unsere
Kinder von dieser Qual befreien und ihnen ihr gutes Recht auf Leidenschaft,
Neugier, Spiel und ihre Kindheit nicht länger rauben.
"Es ist in der Tat fast ein Wunder, dass die modernen Methoden des Unterrichtens
die heilige Neugier des Forschens noch nicht völlig erstickt haben. Denn diese
zarte, kleine Pflanze bedarf, außer dem Ansporn, hauptsächlich der Freiheit.
Ohne diese geht sie ohne Zweifel zugrunde." (Albert Einstein)
Links zu alternativen Schulen:
http://www.freie-alternativschulen.de
http://www.sinn-stiftung.eu/projekte/schulen-der-zukunft/index.html
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